Schweben, schrumpfen, tauchen

»Es ist ein ganzes Universum«, meint Alain Roche. »Rundherum sind Geräusche, wenn ich mit dem Mikrophon nach vorne zeige, kommen von hinten und von der Seite bereits eigene Geschichten heran«. Die ganz normale Welt einer Großbaustelle, zugleich aber auch ein akustisches Impulsgeflecht, das künstlerische Schichten entwickeln kann. Denn der schweizer Pianist, Komponist und Konzepttüftler versteht Musik als erweitertes Konzept, nicht nur im Blick auf die stilistische Ausgestaltung, sondern auch auf das Verhältnis von Instrument und Klanggestalter zur Konzertsituation. Vor sechs Jahren entstand seine Idee des Piano Vertical, eines von der üblichen Schwerkraft losgelösten Flügels, den er in der Vertikale mit einem Kran über dem Boden schwebend spielt. »Ein enorm spannendes Experiment«, erzählt Roche weiter. »Ich musste dafür noch einmal neu Klavier lernen«.

Und nicht nur das. Alain Roche begann bald auch, die Situationen um den Schwebezustand herum in seine Performances zu integrieren. Seit März 2019 hat er sich Baustellen ausgesucht, deren diffuses akustisches Leben er in die eigenen Programme und Kompositionen einbaut. Bei Out Of The Box 2020 wird er dabei über die Grube des projektierten Münchner Konzertsaales gleiten, über den Köpfen der Zuschauer, die mit Funkkopfhörern am Boden auf diversen Sitzgelegenheiten verweilen, um der Vision des entkoppelten Klavierspiels zu folgen. Und damit ist Piano Vertical eines der spektakulären Projekte, mit der das wohl ungewöhnlichste Musikfestival in München, wenn nicht gar Deutschlands, im Januar 2020 in die nächste Runde geht. Es werden wieder Künstler dabei sein, die wie Terje Isungsets Ice Music, Aquasonic oder Pyanook die Experimente fortsetzen, die 2019 begonnen wurden. Zahlreiche weitere Projekte knüpfen aber auch an die Ausweitung der Wahrnehmungszone, die Entkoppelung des Menschen von seiner Erfahrungswelt, die Ideen der Nachhaltigkeit von Kreativität an, von Piano Vertical bis hin zur Shrink Performance in Plastik eingeschweißter Künstler. Es lohnt, sich den Januar frei zu halten.

Text und Bild (Alain Roche): Ralf Dombrowski

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